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Gerhard Gruber Stummfilm - Pianist

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Gerhard Gruber ist seit 1988 Stummfilmbegleiter am Klavier. In unzähligen Aufführungen hat er seither um die 650 Filme begleitet (Los Angeles, Washington, Delhi, Mumbai, Pune, Tokyo, Hobart, Rotorua/NZ, Padua, Bordeaux, Hamburg, München, Wien, Motovun u.v.a.) und gilt als der wichtigste Vertreter seines Metiers in Österreich.

Gerhard Grubers spezieller Zugang zur Stummfilmbegleitung ist die Improvisation, die er als direkten und immer neuen Dialog mit dem Geschehen auf der Leinwand ansieht. So ist keine Aufführung eines Filmes gleich, er liebt es, sich immer wieder neu von den Filmen verführen zu lassen und diese Verführung an das Publikum weiterzugeben.

Seine Begeisterung für dieses Metier ist seit jeher ungebrochen. Er sagt: "Das Gefühl, mitten im Geschehen dabei zu sein, war von Anfang an unbeschreiblich und ist bis heute unverändert geblieben. Das ist auch ein Garant für die Lebendigkeit der Stummfilmabende. Es ist nie der Film allein, es ist immer die Dreiheit Film - Musik - Publikum, und deshalb ist jeder Abend auch ein eigenes Erlebnis."

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Aufführungen:

2022 Zerbst, Marktheidenfeld, Offenbach, Schwandorf, Hamburg

2019 Bratislava, Beijing International Filmfestival, York University Toronto, Cinematheque Luxembourg, Kiew

2018 Istanbul, Paris, Boston University, Washington, Mexico City, Madrid, Berlin

2017 Hobart/ Australia, Bratislava/ SK, Fondation Pathé Paris, Krasnoyarsk/ Siberia, Shanghai, Peking

2016 Boston Jewish Film Festival, Filmoteca Valencia, Querétaro, Cineteca Nacional Mexico City, Kiew, Odessa, Kharkiv

2015 3rd Students Film Festival of India FTII Pune, Film Festival Pisek

2014 National Film Archive Tokyo, Zagreb Film Festival, Antwerpen, Oslo, Luxemburg, Pisek, Grünstadt

2013 Hobart/ Australia, AUT Auckland/NZ

2012 NCPA Mumbai, FTII Pune, Los Angeles

2011 Washington, Los Angeles, Delhi, Pune, Goa, Film Festival Pisek, Filmfestival Uherske Hradiste/CZ

2010 Hobart/ Australia, Auckland/NZ

2009 Filmfestival Uherske Hradiste

2008 Tokyo, Pisek/CZ, Hobart/AUS, Rotorua, Auckland/NZ, Padua

2007 Film Festival Motovun/HR, Tokyo, Hobart/AUS

2006 Tokyo

2005 Bordeaux

Viennale, Diagonale, Hamburg, Filmarchiv Austria, Österr. Filmmuseum, Breitenseer Lichtspiele, Natschlag

Veröffentlichte Musik für: "Cafe Elektric", "Der Wiener Prater im Film", "Die Tat des Andreas Harmer", "Die Zunge des Zorro", "Kino Wien Film"

Über die Stummfilmmusik von Gerhard Gruber:

von Alexander Horwath, ehem. Direktor des Österreichischen Filmmuseum, Wien

Was ist das: Stummfilmmusik ? Und zu welchem Zweck soll man sie heute betreiben, 70 Jahre nach den letzten authentischen, alltäglichen Stummfilmvorführungen? Auf diese Fragen gibt es im gegenwärtigen Kulturbetrieb zahllose Antworten, vom Symphonie-Orchester (also Hochkultur) über spaßige Kontrastmusik (also Ironie-Kultur) bis zum Elektronik-Score (also zeitgenössische Interpretation). – In Wahrheit jedoch haben die meisten dieser Antworten wenig mit dem Medium zu tun, das sie zu "rekonstruieren" behaupten, das sie "wieder aufleben lassen" möchten. Natürlich: Alles läßt sich heute mit allem kombinieren, aber ergibt dieses doppelte Alles-Mögliche auch Sinn ?

Die Musik(begleitung) zu Stummfilmen macht heute wohl am meisten Sinn, wenn sie die grundsätzliche Offenheit und Unentscheidbarkeit mitschwingen läßt, die jeder vernünftigen Rekonstruktion einer vergangenen Praxis innewohnen. Und vor allem: wenn die Musik das Medium, um das es geht – den stummen Film – nicht unter ihrem eigenen Gewicht (bzw. der eigenen "Wichtigkeit", Lautstärke oder auch "Helligkeit") begräbt. Wenn sie, im Gegenteil, jene fragilen Dimensionen des Stummfilms "aufblühen" läßt, die im Verlauf der Geschichte und der gewandelten Wahrnehmungsweisen häufig verschüttet worden sind. Diese Idealvorstellung wird sich nie bei allen Arten und allen Werken des Stummfilms umsetzen lassen (in diesem Fall läßt man die Musik besser sein und zeigt die bestmögliche Annäherung: den Stummfilm eben als stummen Film). Und dort, wo es sich – vom Film aus gesehen – machen läßt, benötigt man einen echten musikalischen Partner des Films.

Der österreichische Komponist und (Improvisations-)Musiker Gerhard Gruber ist einer von sehr, sehr wenigen Vertretern des Metiers, die dieser nur scheinbar bescheidenen, tatsächlich aber höchsten Anforderung genügen. Er ist der Partner par excellence. Die spezielle Tatsache, dass bei der Stummfilmmusik der eine Teil "tot" (d.h. alt und auf Zelluloid gespeichert) und der andere Teil "lebendig" (also live anwesend und handlungsfähig) ist, verlangt paradoxerweise nach einem Musiker, der sich gerade mit diesem Umstand (also mit dem eigenen "Vorteil") nicht zufrieden gibt, der den "toten" Teil genauso lebendig haben möchte wie er selbst es ist. Grubers Form der Bescheidenheit ist zugleich seine Größe; denn es braucht Größe, sich als kreativer und ideenreicher Musiker einem "fremden Text" unterzuordnen. Das ist vergleichbar mit der Beziehung zwischen einem großen Regisseur (Film) und einem großen Schauspieler (Musiker). Hier wie da geht solch ein Ansatz natürlich weit über "Servilität" hinaus: Hier leistet nicht jemand seinen routinierten Dienst ab (so wie die vielen anderen Stummfilmmusiker, die den immer gleichen nostalgisch-kindlichen "Klimper-Teppich" über jeden erdenklichen Film breiten). Hier beginnt statt dessen ein produktives Gespräch – jenseits der Worte. So wie der große Schauspieler auf subtile, nonverbale und sehr bewegliche Art dem Regisseur stetig neue Angebote macht und so immer weitere Schichten des Regiekonzepts freilegt, so verhält sich Gerhard Gruber zum jeweiligen Film – unabhängig ob es sich dabei um Slapstick Comedy, ein historisches Epos, Melodram, psychologisches Kammerspiel oder um einen Abenteuerfilm handelt.

Grubers biografischer Hintergrund als Jazzmusiker, als Improvisator in einem gemeinsamen Spiel, ist für diese unterschiedlichen Qualitäten wohl von großer Bedeutung. Es braucht eine reiche Palette und zugleich die Fähigkeit zur raschen, möglichst nicht-trivialen Reaktion, um auf ein vielfältiges Filmwerk ebenso vielfältig einzugehen. Stummfilmmusik im Sinne Grubers ist weder eine Überhöhung des Films, noch die "Verdaulichmachung" eines "altmodischen" Artefakts, weder eine Eitelkeit noch eine Simplifizierung des existierenden Werks. Sie ist stets ein partnerschaftlicher Vorschlag; in einer Partnerschaft, die garantiert nie langweilig wird. Eine "offene Beziehung" samt innigem Vertrauensverhältnis.

Die Schriftstellerin Ilse Aichinger über Gerhard Gruber:

DER FILMERZIEHER

Weder trägt er einen Wiener Orden, noch sorgt er im Rathaus für Aufregung und Rätselraten wie Michael Jackson. Gerhard Gruber, Komponist und Musiker ("der Klavierspieler", wie er für mich heißt), kommt aus der kargen Landschaft des Mühlviertels. Er improvisiert auf dem Klavier zu Stummfilmen, in dem Dreieck, in dem auch ich mich oft bewege: zwischen Metro-Kino, Breitenseer Lichtspielen und Filmmuseum - nicht Bermuda, aber doch der sicherste Ort, um zu verschwinden.

Er macht jeden Film erst möglich und ihn zugleich unnötig. Wer seine Hände auf den beleuchteten Tasten sieht, kann es riskieren, selbst Chaplin zu vergessen, um seiner Erinnerung an ihn aufzuhelfen. Sollte man sich bei Selbstvergessenen fragen, wie viel sie zu vergessen haben? Für Gerhard Gruber ist das nicht relevant. Komponieren ist ein intellektueller Akt, erklärt er, Improvisation ein Liebesakt. "Es würde mich nicht wundern, wenn mein Spiel den Film verändert." Ob er, der weiß, wie viel den Bildern durch das Dialogkino verloren gegangen ist, eine "Petition gegen den Tonfilm" unterzeichnen würde? "Grubers Form der Bescheidenheit ist zugleich seine Größe", sagt Alexander Horwath (Österreichisches Filmmuseum). "Die spezielle Tatsache, dass bei der Stummfilmmusik der eine Teil ,tot' (d. h. alt und auf Zelluloid gespeichert) und der andere Teil ,lebendig' (also live anwesend und handlungsfähig) ist, verlangt paradoxerweise nach einem Musiker, der sich gerade mit diesem Umstand (also mit dem eigenen ,Vorteil') nicht zufrieden gibt, der den ,toten' Teil genauso lebendig haben möchte, wie er selbst es ist."

"Mir geht die Luft nicht aus, aber ich weiß nicht, was ich mit ihr anfangen soll", konstatiert E. M. Cioran. Aber wer Gerhard Grubers Klavierspiel hört, ist wieder imstande, seinen Atemzügen zu trauen. "Wir gehen durch die Felder und freuen uns", schrieb Adalbert Stifter (wie lange vor der Nacht, in der er sich mit dem Rasiermesser die Kehle durchschnitt, wäre sicher herauszufinden). "Der Mann kann sehr glücklich sein", heißt es in der Stifter-Monografie von Urban Riedl - und das führt wieder zum Stifter-Fan Gerhard Gruber. Die Frage nach dem "Subtext" einer Person bewegt sich bei Stifter und Gruber konträr und doch aufeinander zu. Gerhard Gruber hat Glück mit sich selbst und sollte, falls er Lust hat, dieses Glück noch sehr lange weitergeben. Er weiß, dass man das Urwüchsige zerstört, wenn man es ans Licht zerrt; dass man tötet, was man entmystifiziert. Wenn der "Skwaraismus" (so Martin Walser über Erich Wolfgang Skwara) "die Leidenschaft ist, die ihre Unerfüllbarkeit zum Programm macht", so ist Gerhard Gruber der leibhaftige Antipode zu dieser Definition.

Auch schwer erträgliche Zustände weichen für den, der zum Beispiel nach dem Film "Die Lawine", einem nach Gerhard Gruber "schwer erziehbaren Film", nach Hause oder sonst wohin geht. (Manche Filme tragen sich von selbst, erklärt er, andere müssen "gezogen" werden. Aber es sei Sache des Erziehers, auch die zu mögen, die er nicht mag.) "In der Nacht laufen die Stummfilme weiter. Ich träume in Stummfilm, blau viragiert." Und "Der Typ vom Grab nebenan" (heute um 18 Uhr im Cine-Kino)? Man sollte ihn dort herausholen und zusammen mit anderen Scheintodgefährdeten rasch nach Breitensee zu Gerhard Gruber bringen.

(mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Besuch auf der Burg ORAVSKY HRAD in der Slowakei, wo der berühmte Film "NOSFERATU" gedreht wurde

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